Alexander Ruhe: 1880 - Die Explosions-Katastrophe auf dem Deutschen Turnfest.  Juni 2026

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

Im Krisenjahr 1880 sollte das fünfte Deutsche Turnfest in Frankfurt stattfinden. Frankfurt stand im negativen Ruf, eine demokratische Stadt zu sein und die von Bismarck autoritär geführte Reichsregierung befürchtete, es könnte durch die Turner zu demokratischen Kundgebungen kommen, das Turnfest zwei Jahre zuvor in Breslau war sogar abgesagt worden, weil man Angst vor einem sozialdemokratischen Putsch hatte. Zum Präsidenten des Festkomitees hatte man vielleicht deshalb den Frankfurter Polizeipräsidenten Hergenhahn gemacht, sicherlich ein Affront gegenüber der Turnerschaft. Tatsächlich wurden von den Frankfurtern zum Empfang der deutschen Turner mehr schwarz-rot-goldene als schwarz-weiß-rote Fahnen aus den Fenstern gehängt. Aber das korrigierte dann gleich ein Sturm, der über Frankfurt fegte und am zweiten Turnfesttag den aufrührerischen Fahnenschmuck auch wieder runter holte.

der Fotograf Adam Stamm hatte die Festhalle des Turnfests noch im vollen Fahnenschmuck fotografiert, einen Tag darauf waren die Fahnen unten

Die auch aus den USA und aus Österreich angereisten deutschen Turner turnten unermüdlich und das trotz großer Hitze und der nur mangelhaft funktionierenden Vogelsberger Wasserleitung, die dafür sorgte, das große Teile Frankfurts - wenn überhaupt - nur mit trüben Mainwasser versorgt werden konnten.

Das Turnfest wurde trotzdem, auch finanziell,  ein voller Erfolg, dessen man noch lange andächtig gedachte. Was im kollektiven Gedächtnis allerdings nicht überdauerte, das war eine furchtbare Katastrophe, die Frankfurt während des Turnfestes traf. Sowohl die Eröffnung, als auch das Ende des Festes, wurde von Feuerwerken begleitet. Zwei unterschiedliche Feuerwerker hatten den Zuschlag erhalten. Der Koblenzer Feuerwerker J.Dünges wollte seinen Vorgänger, der das Feuerwerk zur Eröffnung gestaltet hatte, wohl übertreffen und er lud am 28.Juli 1880  auf dem Festplatz im Nordend nicht die damals üblichen Papprollen, sondern sechs kochtopfgroße gußeiserne Mörser mit seinen Sprengladungen. Einer dieser Mörser war funkelnagelneu und genau dieser zersprang in tausend Teile, als er gezündet wurde, genau in die neugierigen Zuschauer, die den Ort dichtgedrängt umstanden, ganz vorne weg die noch neugierigeren Schuljungen.

Insgesamt kamen sechs Personen zu Tode, Arme und Beine wurden von herumfliegenden Eisensplittern abgerissen und viele Zuschauer verstümmelt, noch viel mehr leichter verletzt. Viele der Opfer waren Kinder und viele verbrachten die nächsten Monate in den Krankenhäusern. Eine weitere Frau erlitt einen tödlichen Herzschlag, als sie von der Katastrophe hörte und ihre drei Kinder, die auch dorthin gegangen waren, noch nicht wieder zuhause waren. Auch der Feuerwerker Dünges und sein Sohn waren unter den Schwerverletzten. Erst dacht man, er sei geflohen, aber dann fand man ihn in einem Krankenhaus. Gegen ihn wurde ermittelt aber zu einer Anklage kam es nicht, auch wenn dies nicht das erste Unglück bei einem seiner Feuerwerke gewesen war. Entschädigungen gab es nur geringe oder gar keine. Eines der Opfer zog dann später bettelnd durch Frankfurts Kneipen und präsentierte zwei abgerissene Finger, in Spiritus eingelegt in einem Marmeladenglas. Noch Tage nach der Katastrophe lagen auf dem Festplatz unexplodierte Feuerwerkskörper herum, die man dann entschlossen einsammelte und in den Main warf.

Prominentestes Opfer war die damals bekannte Schauspielerin Frau Freund. Ihr hatte ein Schrapnell ein Auge ausgeschlagen und nach monatelanger Rekonvaleszenz trat sie dann, unter rauschendem Applaus, mit einem Glasauge auf die Bühne.

Immerhin verzichtete man aber beim Besuch des Kaisers, ein paar Monate darauf, der zur Eröffnung der Oper und zur Wiedereröffnung des niedergebrannten  Gesellschaftshauses des Palmengartens nach Frankfurt  gekommen war, auf das geplante Feuerwerk. Aber beim Kaiser Wilhelm musste man auch vorsichtig sein 1867, als der damals noch preußische König sich im Frankfurter Kaiserdom ein paar Kaiserweihen hatte abholen wollen, war die Kirche am Abend zuvor niedergebrannt und auch die Kathedrale von Metz war anläßlich eines Kaiserbesuchs 1877 Opfer eines Feuerwerkes geworden.

der Festplatz an der Bornheimer Landstraße / Ecke Friedberger Landstraße

die Bäume links oben sind der Hauptfriedhof, die Bäume rechts, der Luisenhof

Unser großer Nationalpoet Friedrich Stoltze hatte in Hinblick auf das kommende Turnfest und die damit einhergehenden Besuchermassen zwei Wochen vor der Katastrophe im Nordend gedichtet :

 "Es will mer net in mei Kopp ennei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!"

Nach der Katastrophe dichte Stoltze die folgende Verse:

"Verrauscht ist das große, das herrliche Fest,

von Jubel und Wonne ist Trauer der Rest.

Die Stätte mit Rosen der Freude bestreut,

Ein Eden noch gestern, ein Kirchhof schon heut!"

Bis heute Frankfurts geheiligte Nationahymne das eine, ist das Andere heute vergessen.

 

 

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